Liebe Gemeinde,
Sechs Monate Uganda liegen jetzt bereits hinter mir. Sechs Monate in der Kirchengemeinde Rwemisanga, die zum Bistum Hoima im Westen Ugandas gehört. Mit Father Peter, Father Cement und dem Seminaristen Andrea lebe ich hier in einer familiären Gemeinschaft zu der noch unzählige Angestellte zählen, die von Kuhhirten über Köchinnen zu Arbeitern auf den Bananen- und Zuckerrohrplantagen alle Aufgaben abdecken, die auf unserem kleinen Bauernhof erledigt werden müssen. Rwemisanga liegt 80 km von Hoima entfernt und eine andere größere Stadt gibt es nicht in der Nähe. Ich bin umgeben von unberührter Natur und afrikanischer Wildnis und die Zivilisation ist "far, far away".
Die Gottesdienstbesucher kommen jeden Sonntag mehrere Kilometer zu Fuß durch den Busch gelaufen und da es kaum jemanden gibt, der eine (funktionierende) Uhr besitzt, trudeln die Letzten oft erst ein, wenn die Wandlung schon voll im Gange ist. Da hier die Zeit generell keine Rolle spielt, und sich ein Tag vom anderen in seinem Ablauf kaum unterscheidet, muss den Leuten irgendwie mitgeteilt werden, wann Sonntag und Zeit für die Messe ist. Während bei uns in Deutschland ursprünglich für diese Zwecke melodiös die Glocken läuten, liegt hier im Busch der rhythmische Schlag der Trommeln in der Luft.
Der Gottesdienst beginnt um 9 Uhr. In der Regel auch wirklich pünktlich, schließlich will man bis zum Mittagessen ja mit allem irgendwie durch sein. Alles dauert hier nämlich länger! Ob Gesang, Predigt oder die Vermeldungen, bei denen es wie bei einer Dorfversammlung zugeht. Unter 2 1/2 Stunden braucht man sich gar keine großen Hoffnungen zu machen! Da ich außer "Halleluja", "Hosanna", "Amiina"(Amen) und "Ruhanga"(Gott) kein Sterbenswörtchen verstehe, bin ich froh, dass ich durch Klatschen, Tanzen, Trommeln und lautem Singen doch immer irgendetwas zu tun habe und mitmachen kann.
Ein ganz besonderes Erlebnis ist es, wenn ich mit einem der Pfarrer auf "Pastoralsafari" gehe. Dazu muss man wissen, dass alle Lehmhütten im Umkreis von 24 Kilometern zu unserer Gemeinde gehören. Für den größten Teil der Menschen ist es unmöglich, jeden Sonntag zum Gottesdienst zu kommen. Aus diesem Grund gibt es insgesamt 30 kleinere Ableger - so genannte "outstations" - wo ein Katechist für die Gemeindemitglieder zuständig ist. Damit aber in regelmäßigen Abständen die große Zahl an Kindern getauft und unzählige Paare getraut werden können, müssen Father Peter und Father Clement zwei bis drei mal im Jahr in jeder Gemeinde vorbeischauen. Für die Menschen Grund genug, eine große Party aus dem Gottesdienst werden zu lassen. Diese Veranstaltungen ziehen sich meist besonders lange hin, weil 42 Beichten, 106 Taufen und 18 Hochzeiten anstehen. Wer jetzt glaubt, dass ich übertreibe, der täuscht sich gewaltig! In einer Nachbargemeinde waren es an einem Tag sogar über 300 Täuflinge, die regelrecht abgefertigt wurden. Die Gottesdienste in den outstations finden in kleinen Lehmhüttenkirchen statt, wo die Menschen eng zusammengedrängt auf harten Holzbänken oder direkt auf der Erde sitzen und die Luft von Minute zu Minute stickiger wird. Ist nach vier Stunden der Schlusssegen endlich gesprochen und mein Magen schon total ausgehungert wird der Altar (einfacher Holztisch) schnurstracks fürs Mittagessen (wir haben bereits 16 Uhr) umfunktioniert. Matooke, Reis, Kalo, und Huhn landen in großen Plastikschüsseln auf dem "Heiligen Tisch" und Pfarrer, Seminarist, Katechist und Mzungu (= ich, die Weiße) stürzen sich auf die Leckereien. Selbstverständlich ohne Besteck. Wozu hat man denn seine fünf Finger an der rechten Hand? Diese Mahlzeiten liebe ich, auch wenn ich sie mir erst wirklich verdienen muss.
Zum Schluss noch eine Anekdote: Neulich sollte eine(!) Hochzeit hier direkt bei uns in der Gemeinde stattfinden. Die Blumenmädchen, die Trauzeugen, und der Bräutigam waren auch alle verhältnismäßig pünktlich da. Nur die Braut fehlte. Keiner wusste wo sie steckte und nach langem Warten beschloss Father Clement, das Ganze zu verschieben. Später stellt sich heraus, dass sie Frau lieber unten am See frischen Fisch kaufen war. Den eigenen Hochzeitstermin hatte sie völlig vergessen. Man muss eben die richtigen Prioritäten setzen.
Mit vielen lieben Grüßen aus Uganda
Lea Kraus
P.S. Allen Spendern, die das FSMDA- Projekt 2009/2010 unterstützen, ein herzliches Dankeschön! Auch im Namen meiner gesamten Gruppe. Schulstreich-Aktionen, Solarzellen für die Pfarrhäuser, ein Kreuzweg für die Kirche und andere Dinge wurden davon bereits finanziert.
