von Markus Bernard
Es ist wieder Mittwoch. Feierabend. 20 Uhr. Schnell noch den Fernseher an. Um 20 Uhr ertönt im Ersten der allseits bekannte Gong. Ich schaue noch schnell die ersten Meldungen der Tagesschau, bevor ich in Richtung Kirche aufbreche. Denn wir starten pünktlich um 20.15 Uhr mit der Chorprobe. Jacke an, Schuhe an, Notenmappe in die Hand und schnell noch ein Eukalyptusbonbon einwerfen, zum Stimme ölen. Zum Glück wohne ich ja um die Ecke und da ist es nicht weit in den Pfarrsaal. Sicher sind die meisten anderen schon da. Ich freue mich, die Truppe wiederzusehen. Die Stimmung ist super, wie eigentlich jeden Mittwoch. "Hallo, wie geht's?", Stühle stellen und noch ein bisschen quatschen, bevor das Einsingen losgeht. Wo ist eigentlich Dietmar? Ach so, ist erst zwanzig nach acht, er kommt sicher noch…
So war das eigentlich immer. Jeden Mittwoch. Bis zum März 2020. Seitdem hat sich so einiges geändert. Auch bei uns im Ave-Eva-Chor. Konnten wir nach dem Frühjahrslockdown im Sommer noch einige Open-Air-Chorproben am Wartbaum sowie am Hof Buchwald abhalten und im Herbst noch unter Einhaltung sämtlicher Abstands- und Hygieneregeln in der Kirche üben, ist das inzwischen nicht mehr möglich. Denn bis auf weiteres finden keine Chorproben mehr statt. Leider verboten. Vom Land Hessen, nicht vom Bistum. Ist ja klar, in Fulda ist man nicht so schnell und konsequent mit Entscheidungen…. Irgendwann reift im Chor der Entschluss: Es wird dieses Jahr kein Adventssingen geben. Und auch keinen Chorgesang in der Christmette. Der Probentag im November fällt ebenso flach. Oh Mann. Irgendwann im Herbst stellt sich dann die Frage: "Was machen wir eigentlich mit der Pfarrfastnacht?" Relativ schnell wird im Organisationsteam klar: Eine Veranstaltung dieser Größenordnung kann unter diesen Umständen natürlich auch nicht stattfinden. Wir sagen die Veranstaltung schweren Herzens ab, bevor die Stadt sowieso alle Großveranstaltungen untersagt.
2020 ist wirklich alles anders. Normalerweise geht's spätestens nach dem Adventssingen Mitte Dezember mit Liedauswahl und Themensuche für die Pfarrfastnacht los. Welche Lieder sind geeignet? Was können wir in der Kürze der Zeit vernünftig einstudieren? Gibt es gute Chorsätze? Im neuen Jahr sind die ersten Chorproben immer der Pfarrfastnacht gewidmet. Erst einmal üben wir die Lieder im Original. "Wo bleiben eigentlich die Liedtexte? Spätestens nächste Woche müssen die da sein…!". Was bleibt einem übrig: Mehrere Abende hinsetzen, ein Gläschen Rotwein und los geht's mit der Reimerei. Wirken lassen, ändern, streichen, neu schreiben. Immer die Frage: "Kann man das bringen? Ist das wirklich lustig? Ob da jemand lacht? Kommt der Inhalt rüber?" Der Text muss ja auf Anhieb sitzen und beim ersten Hören für die Gäste verständlich sein. Ob die Mikros in der Willi-Salzmann-Halle immer noch so übel sind? Die Zeit wird knapp. Reichen noch zwei Chorproben? Oder brauchen wir noch Sonderproben? Am Dienstag? Nein, da sind die Pfadfinder im Saal. Dann am Donnerstag. Sind da nicht die Frauen am Proben? Und Montag? Da ist doch schon das Männerballett zugange. Alles nicht so einfach…
Es ist wieder Mittwoch, Anfang Februar 2021, 20.12 Uhr. Die Tagesschau ist fast vorbei. Langsam nervt der ganze Coronakram. Zum Glück muss ich mir den Trump nicht mehr jeden Tag anschauen. Dafür Kardinal Woelki. Auch nicht besser. Kurz vor dem Wetterbericht schalte ich den Fernseher aus und fahre den Computer hoch. Sehr schön, unser Chorleiter Michael Hampel hat einen Link für "Zoom" geschickt. Bis vor einem Jahr hatte ich noch nie etwas von diesem System für Videokonferenzen gehört. So ändern sich die Zeiten. Ich klicke den Link an und kurz darauf erscheinen nach und nach viele andere bekannte Gesichter aus dem Ave-Eva-Chor. Denn es ist 20.15 Uhr und wir starten pünktlich mit der Chorprobe. Sogar Dietmar ist pünktlich. Unser Chorleiter begrüßt alle, es gibt noch einige kurze Schwätzchen und schon geht es mit dem Einsingen los: "Ei gude, ei gu-hu-de, ei gu-hu-hu-deeeee". Inzwischen hat sich eine gewisse Routine eingestellt. Wir singen uns gemeinsam ein und es ist fast wie immer. Nur eben, dass man zu Hause sitzt und Michael die Mikros stummgeschaltet hat. Die der Sängerinnen und Sänger zumindest, denn unser Chorleiter muss ja von allen gehört werden. Warum eigentlich? Würden sämtliche Chormitglieder zur gleichen Zeit über "Zoom" ins Mikro singen, würde das Internet in Nidderau definitiv seinen Geist aufgeben, Glasfaser hin oder her. Man sagt, dass Ehepartner vereinzelter Chormitglieder sogar zur Sicherheit die Fenster geschlossen haben. "Wegen der Nachbarn", heißt es….

Dann sind die Männer erst einmal für eine gute halbe Stunde raus und können sich vom anstrengenden Einsingen erholen. Denn jetzt singen erst einmal die Altistinnen und Sopranistinnen. Die Jungs sind danach an der Reihe. Erst der Bass, dann Tenor, dann zusammen. Geht eigentlich ganz gut. Man hört die anderen halt nicht. Dafür die „Singalongs“, die Michael für uns erstellt hat. Er dirigiert, gibt Hinweise: "Erst Pianissimo, dann langsam aufbauen", "die Wiederholung etwas ruhiger", "vier Schläge aushalten – und eins, zwei, drei und – Einsatz". Geht ganz gut. Man gewöhnt sich irgendwie daran. Außerdem sieht man seine Stimmkollegen singen. Aber man hört sie nicht.
"Virtuelle Chorprobe" nennt man das. Hätte nie gedacht, einmal an sowas teilnehmen zu müssen… äääh… dürfen. Inzwischen freue ich mich tatsächlich darauf. Sehr sogar. Ist immer irgendwie nett, die Leute zu treffen. Auch wenn nicht alle mit von der Partie sind und es nur am Computer ist. Mittlerweile bleiben wir nach der Probe noch beisammen und trinken einen virtuellen Schoppen miteinander. In der "Sendung mit der Maus" hätte der Erzähler gesagt: "Klingt komisch, ist aber so…".
Es ist inzwischen das fünfte oder sechste Lied, das wir auf diese Art üben und später im Altarraum unserer Kirche aufnehmen werden. Natürlich unter Berücksichtigung eines ausgeklügelten ökumenischen Schutzkonzepts. Eine tolle Idee von unserem Chorleiter, Einzelaufnahmen von (fast) jedem Chormitglied anzufertigen und daraus eine Chordarbietung zusammenzustellen. Auch wenn es schon komisch ist, mit Kopfhörern im Altarraum der Kirche vor einem Mikrofon zu stehen und einzeln a cappella zu singen. Ist im Chor normalerweise irgendwie anders. Im letzten Jahr hatte das mit den Aufnahmen ja ganz gut geklappt, und wir konnten das ein oder andere Lied im Gottesdienst einspielen oder per Mail an unsere Fans verschicken. Nicht zuletzt aufgrund der positiven Resonanz zu unseren bisherigen Beiträgen, wie z.B. "Meine Zeit", "Wenn das Brot, das wir teilen", "Wintertage" oder "Tochter Zion", werden wir damit weitermachen. Es scheint bisher ganz gut angekommen zu sein. Hinter jeder Aufnahme steckt natürlich eine Wahnsinnsarbeit, die vor allem unser Chorleiter hat. Denn die einzelnen Aufnahmen zusammenzustellen und übereinanderzulegen, ist schon eine Fleißaufgabe. Ich will gar nicht wissen, wie das in den Londoner Abbey Road Studios läuft, wenn die Profis ihre Lieder einspielen….
Auch wenn diese Art der Chorprobe neu und spannend ist, freue ich mich schon auf die erste ganz normale, herkömmliche, klassische, analoge Chorprobe im Pfarrsaal. Mittwochs, kurz nach der Tagesschau. So wie früher. Ohne Maske, ohne Abstand, ohne Mikro, ohne Kopfhörer und vor allem gemeinsam mit allen anderen Chormitgliedern.
Hören Sie sich hier noch einmal die Aufnahmen unseres Ave-Eva-Chors an:
Advents- und Weihnachtslied "Tochter Zion", entstanden aus Chorsätzen von Georg-Friedrich Händels Oratorien "Joshua" und "Judas Maccabäus". Der Text stammt von dem fränkischen, evangelischen Theologen Friedrich Heinrich Ranke und wurde anno domini 1820 verfasst.
Chordarbietung des Stücks "Wintertage" – einem Werk vom steirischen Komponisten Lorenz Maierhofer.
